Die gute alte Zeit als Innovationsmotor?
Innovation scheint immer mit Hightech verbunden zu sein. Aber man kann auch innovative Ideen finden, wenn man sich bewusst zurück erinnert! Okay, ich habe es befürchtet – jetzt wollen Sie natürlich Beispiele. Bitteschön…Vielleicht kennen Sie Manufactum? Der Slogan auf der Website spricht Bände: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Manufactum ist ein Katalogversender, der sich selbst eine gewisse fortschrittsskeptische Grundhaltung bescheinigt: "Unser aktueller Hauptkatalog ist bereits der vierzehnte, und auf 368 Farbseiten sind darin etwa 4000 Dinge versammelt, die allesamt nicht »neu«, nicht »brandaktuell« (und am allerwenigsten »in den USA der Hit des Jahres«) sind; 4000 Dinge, die sämtlich weit vor dem Jahre 0 der »In-und-Out«-Buchführung in die Welt kamen, eine Geschichte haben und ihre Bewährung längst hinter sich. Es ist ein Katalog (seit neuestem: fast) ohne ein einziges elektronisches Gerät (dafür aber mit vielen mechanischen), ohne Dinge aus Kunststoff (dafür mit solchen aus Stahl, Eisen, Leder, Kautschuk, Leinen, Borsten usw.)."
Und trotzdem - oder genauer: gerade deswegen - ist Manufactum Kult, enorm erfolgreich und spricht eine bestimmte Zielgruppe perfekt an. David Blieswood schrieb 1998 in der Welt am Sonntag: "Ein genialer Katalog der guten alten Dinge: Es ist eine fast literarische Warenkunde von Küche, Möbel, Kleidung, Werkzeug bis Spielzeug. Der Katalog ist ein Geschenk an den guten Geschmack…"
Der Erfolg von Manufactum beruht nicht darauf, besonders innovative Produkte anzubieten. Aber es ist die Dienstleistung, das ganze "alte Zeugs" zusammenzusuchen, mit absolut genialen Produktbeschreibungen zu versehen und über Katalog sowie Internet zu vertreiben, die Alleinstellung und Mehrwert für die Kunden ausmachen.Ein anderes Beispiel ist die überregionale Bedienung von Nischenmärkten für historische Baustoffe und Bauelemente. Sie wussten gar nicht, dass es solche Nischen gibt? Dann sind Sie sicher nicht alleine. Aber ein Blick ins Internet zeigt, dass es ganze Netzwerke rund um dieses Thema gibt. Schauen Sie einmal auf historische-baustoffe.de und historische-bauelemente.de. Allein die Firmenliste, die Sie auf der ersten Webpräsenz finden können, spricht Bände darüber, wie innovative Unternehmen neue Nischen entwickeln und besetzen können. Innovation ist auch hier nicht die Hightech-Lösung, sondern die Besinnung auf traditionelle Konzepte und die Verbindung mit einem interessanten Vertriebskonzept.
Ähnlich versuchen einige ostdeutsche Unternehmen erfolgreich im Internet, ihre noch aus der DDR bekannten Produkte per Online-Shopping an den Mann oder die Frau zu bringen. Diese Produkte werden von den großen Supermarktketten nicht gelistet, weil der Markt zu klein ist. Im Internet aber gibt es beispielsweise unter kathi.de alle Backmischungen und Zutaten aus der Produktion der Kathi Rainer Thiele GmbH aus Halle für den privaten Besteller mit geringen Versandspesen frei Haus. Das Geschäft funktioniert. Rund 350 Aufträge treffen monatlich per E-Mail ein. Vor allem Besteller aus den alten Bundesländen nutzen das Angebot.
Sie suchen Leckereien der Goldeck Süßwaren GmbH? Schauen Sie mal auf Flocke.de! Das "Zetti-Überlebenspaket" enthält von allem etwas, Knusperflocken, die Schlagersüßtafel und andere schon aus DDR-Zeiten bekannte Produkte mit Kultfaktor. Und auch für die Zörbiger Konfitüren GmbH gehören die Direkt-Bestellungen per Internet zum Alltag. Das 1873 gegründete Unternehmen bietet seine Brotaufstriche in 25 Geschmacksrichtungen online an. Wie bei anderen Anbietern werden die Informationen zusätzlich auch in englischer Sprache bereitgehalten.
Alle Beispiele zeigen, dass man durchaus nicht immer die große Produktinnovation braucht. Vielmehr geht es darum, einen Bedarf zu erkennen und nach der optimalen Möglichkeit zu suchen, diesen Bedarf für die Zielgruppe zu befriedigen. Was erst mit spezialisierten Online-Antiquariaten und Suchdiensten für alle und alles machbar ist, überlasse ich Ihrer Phantasie…
Von Markus Stolpmann am 24.03.2002, 13:33, in eDings live
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