20.10.2002
Christian Mikunda: Marketing spüren

Willkommen am Dritten Ort
Wer in der 360°-Panorama-Bar von Guiness, hoch über den Dächern von Dublin, sein großes Glas Freibier in Empfang nimmt, wird durch ein Schild freundlich aufgefordert, es doch auf das Wohl von Arthur Guiness zu erheben, der das alles hier 1759 gründete. Unwillkürlich hebt man das Glas vor dem ersten Schluck tatsächlich einige Zentimeter an und bemerkt erstaunt, dass man dabei innerlich bewegt ist. Wie um alles in der Welt, fragt sich der Besucher, ist es Guiness gelungen, diesen Ort und dieses bittere, dunkle Bier derart emotional aufzuladen?
Brandlands wie die Autostadt von VW in Wolfsburg, Flagship Stores wie Nike Town in Manhattan, Urban Entertainment Center wie die Casino-Hotels in Las Vegas, Museen mit spektakulärem Atrium oder Themenlokale, die sich selbst zur Show machen: Das sind so genannte Dritte Orte, öffentliche Räume, in denen man sich "zu Hause" fühlen soll, in denen die Besucher emotional involviert, in denen Produkte und Dienstleistungen "erlebt" werden sollen.
Die Vermarktung der Produkte und des Dritten Ortes selbst ist in solchen Umgebungen kaum mehr voneinander zu trennen. Dem Erfolg dieser Inszenierungen spürt Christian Mikunda nach, indem er die psychologischen Hintergründe entschlüsselt und Tricks und Kunstgriffe nennt.
Die im Buch beschriebenen "Welten" sind dank der beigelegten CD-ROM auch visuell nachzuempfinden, was den Lesespaß noch erhöht. Die meisten der genannten Orte sind überdies im Anhang mit realer und ggf. Web-Adresse angeführt.
Ein Buch, das Spaß macht, die Augen öffnet und allen, die mit der Schaffung größerer oder kleinerer Erlebniswelten befasst sind, viele Anregungen liefert.
Amazon liefert das Buch ohne Versandkosten.
12.10.2002
Jan Hofmeyr, Butch Rice: Commitment Marketing
Markentreue aus Begeisterung
Der Schlüssel zum Markenerfolg liegt in der Einstellung Ihres Kunden. Zufriedenheit allein sei ein schlechter Indikator für künftiges Verhalten des Kunden, Commitment, also Bindung, auch: (Selbst-)Verpflichtung, und Identifikation hingegen seien ausgezeichnete Indikatoren.
Menschen verbinden mit jeder getroffenen Entscheidung eine vielschichtige Palette von Bedürfnissen, Wünschen und Wertvorstellungen. Kundentreue, so die Autoren, beziehe sich auf das, was die Kunden tun; Commitment meine hingegen das, was die Kunden empfinden. Die Unterschiede zwischen Treue und Commitment werden herausgearbeitet. Anhand von vielen Beispielen wird gezeigt, wie sich mit Hilfe des Commitments starke Marken aufbauen lassen.
Das Buch beruht auf zehnjähriger Forschungs- und Beratungsarbeit. Das schlägt sich einerseits in den zahlreichen Fallbeispielen nieder. Andererseits kommen die Autoren zu Schlüssen, die so manches medienwirksam gepriesene Potenzial von Customer Relationship Management (CRM), aber auch von Direktmarketing stark relativieren - speziell was die kurzfristige Erreichung von Zielen betrifft. Commitment Marketing ist ein langfristiges Konzept, das "hard" und "soft" Facts integriert; und sich hier natürlich auch der Möglichkeiten der Informationstechnologie bedient.
Neben der Theorie bietet das Buch auch sehr viele praktische Tipps zur Umsetzung der Erkenntnisse. Im Kapitel Was Sie tun und was Sie lassen sollten sprechen die Autoren über unnötige Preissenkungen, überflüssige Produktentwicklungen, zu viel/zu wenig Werbung, über falsches Management am Kaufort, über falsche Annahmen über Werbung und über zu hohe Ausgaben für unerreichbare Verbraucher. Die Checkliste für Markenmanager liefert einige interessante Denkanstöße für die Gestaltung des Marketingplans.
Ich empfehle die Lektüre von Commitment Marketing daher neben Markenmanagern und Marketingverantwortlichen ganz besonders jenen Menschen, die in Projekte zur Implementierung von CRM-Maßnahmen eingebunden sind. Das Buch könnte einige Denkanstöße geben und dabei helfen, in der Strategieplanung vermeintliche Gewissheiten im Zusammenhang mit Kundenverhalten kritisch zu hinterfragen.
Amazon liefert das Buch ohne Versandkosten.
06.10.2002
Philip Kotler u.a.: Marketing der Zukunft
Mit Sense and Response zu mehr Wachstum und Gewinn: so der Untertitel von Marketing der Zukunft.
Der Untertitel war es auch, der mein Interesse an diesem Buch weckte. Er versprach mir eine Beschäftigung mit den Bedürfnissen von Kunden (=Menschen), er rief in mir die Assoziation von Zuhören, auf Bedürfnisse eingehen, Antworten geben hervor.
Doch zwischen den Buchdeckeln: keine Spur von Sense and Response.
Unklar ist schon die Zielgruppe des Buches: Marketingmanager? E-Business-Verantwortliche? Mitarbeiter in E-Commerce-Projekten? Geschäftsführer?
Werden sie in diesem Buch viel Neues über Marketing und über das Marketing der Zukunft erfahren? Die Erwartungshaltung, die der Titel hervorruft, wird meines Erachtens nicht eingelöst. Es ist eine unspektakuläre Einführung in die Grundlagen des Marketing mit einem Seitenblick auf das klassische Online-Marketing – jedoch mit einer wesentlichen Einschränkung:
Im Kontext der Ernüchterungen nach dem Dot-com-Hype erscheint dieses Buch auf weiten Strecken unreflektiert und idealisierend und gleitet in eine naive Sicht von Online-Geschäftsmodellen ab, wie sie mir aus Zeiten der überdrehten Berichterstattung in Net-Business, E-Market und Co. noch sehr deutlich in Erinnerung ist.
Der Kunde, der auf Banner klicken, Interstitials betrachten oder Mitglied in Online-Communities sein soll, bekommt keine fassbare Kontur.
Die Phrasen von den radikalen Veränderungen, der Globalisierung, vom scharfen Wettbewerb und von der Konkurrenz, die nur einen Klick entfernt ist, gipfeln in der Forderung, die Unternehmen müssten sich digitalisieren, um bestehen zu können. Das wäre Mitte der Achtziger eine spannende Aussage gewesen, heute wirkt es antiquiert. Genauso wie dies auch der Schluss-Absatz tut: Die Unternehmen müssen umdenken und die Kundenorientierung als Ausgangspunkt betrachten. Nur dann können sie alles Notwendige über ihre Kunden erfahren und maßgeschneiderte Produkte, Dienstleistungen, Lösungen und Botschaften entwickeln. (S.216)
Diese Conclusio ist übrigens die Fortsetzung folgender Argumentation: Wenn die Autohersteller ihr Geschäftsmodell demjenigen von Dell anglichen, würden die Fahrzeuge nicht mehr 70 Tage beim Händler herumstehen, und die Kunden müssten auch keinen Aufschlag von 10 Prozent mehr bezahlen, um die hohen Vertriebskosten des Herstellers zu decken. Verkürztes Denken, wie es sich durch die ganzen 250 Seiten zieht.
Dabei wird im Kapitel Neue Denkmodelle im Marketing ein sehr interessanter Ansatz vorgestellt: das Dreieck kognitiver Raum des Kunden (Kazuaki Ushikubo, 1986), Kompetenzraum des Unternehmens und Ressourcenraum der Partner. Hier werden auch jene Begriffe eingeführt, die im weitesten Sinne zu Sense and Response weitergedacht werden könnten: Bedürfnisse, Lebensabschnitte, Lebenszusammenhänge, Lebensstile, Chaos & Ordnung, Außenorientierung & Innenorientierung, Wünsche, Veränderung, Mitwirkung, Freiheit, Stabilität, Kompetenz, Beziehung ...
Was hier auf zehn Buchseiten abgehandelt wird, findet leider in den Schilderungen der Möglichkeiten, die das Internet den Unternehmen nun bietet, keine wirklich griffige Fortsetzung, sondern mündet in Aussagen wie diese: America Online, Yahoo!, Lycos und andere Portale konkurrieren darum, in den Augen der Surfer die attraktivsten Eingangstore zum Internet darzustellen. Sie verwandeln sich dabei in Infomediäre, erheben Informationen über die Nutzer und helfen diesen dann dabei, die Verbindung zu den richtigen Anbietern herzustellen. (S. 133)
Zum Weiterlesen empfehle ich – gebetsmühlenartig, jaja – The Cluetrain Manifesto (deutsche Fassung bei Amazon nicht mehr lieferbar) und Gonzo Marketing. Da menschelt es, sprudelt es vor Begeisterung, surft es im Web, kommuniziert es per E-Mail und befüllt Weblogs mit Authentischem. Wie die wahren Gurus es halt so machen, gell
Das Buch bei Amazon
25.09.2002
Fisher, Ury, Patton: Das Harvard-Konzept

Sachgerecht verhandeln – erfolgreich verhandeln
Wir verhandeln tagtäglich, Verhandeln ist buchstäblich ein Bestandteil unseres Lebens. Das Dilemma: Entweder setzt sich einer der Verhandler "hart" durch, was die Beziehung zueinander in Mitleidenschaft zieht. Oder man gibt nach, reagiert mit der "weichen" Methode, und fühlt sich hinterher ausgenutzt, über den Tisch gezogen.
Doch es gibt einen Mittelweg: das sachbezogene Verhandeln. Streitfragen werden hierbei nach ihrem Sachgehalt und ihrer Bedeutung unterschieden.
Die Verhandlungspartner arbeiten auf eine gemeinsame Lösung hin, auf einen gegenseitigen Nutzen, auf ein faires Ergebnis. Das so genannte Harvard-Konzept funktioniert nach folgendem Prinzip:
- Menschen und Probleme werden getrennt behandelt.
- Es zählen die Interessen, nicht die Positionen.
- Die Verhandler entwickeln Optionen, die für beide Seiten Vorteile bringen.
- Die Partner verständigen sich über neutrale Beurteilungskriterien.
Die drei Autoren verkünden dabei keine neuen, bahnbrechenden Theorien, sondern verweben Bekanntes und vielfach Praktiziertes zu einer Methode, die dem Leser erlaubt, sein Wissen als solches zu erkennen und zu sehen, wo er seine Verhandlungsstrategien verbessern kann:
In diesem Buch steht nichts, was Sie nicht schon mehr oder weniger aus eigenem Erleben wussten. Wir wollten hier weit verbreitete Erfahrungen und das allgemeine Empfinden so organisieren, dass ein brauchbarer Handlungs- und Denkrahmen dabei herauskam. Je mehr sich diese Vorstellungen mit Ihren Kenntnissen und Ihrer Intuition decken, um so besser. Wir haben diese Methode gewieften Anwälten und erfahrenen Geschäftsleuten vermittelt, und diese haben uns gesagt: "Jetzt wird mir erst richtig klar, was ich immer getan haben, und warum das immer funktioniert hat", und: "Ich weiß, dass das, was Sie sagen, richtig ist, weil es mir irgendwie schon bewusst war."
So ein Zitat aus dem Klassiker der Verhandlungstechnik, der als deutschsprachiges Buch bereits die 21. Auflage erreichte.
Amazon liefert das Buch ohne Versandkosten.
"Das Harvard Konzept" gibt es auch als Hörbuch.. Dieses besteht aus 2 CDs, auf denen sich die Stimmen hervorragender Sprecherinnen und Sprecher abwechseln — für längere Autofahrten mit und ohne Stau, für Bahnreisen und Flüge samt dazugehöriger Wartezeiten hervorragend geeignet. Wer das Buch schon kennt, kann durch die spezielle Präsentation Wissen auffrischen oder neue Aspekte heraus„lesen“.
Auch das Hörbuch liefert Amazon versandkostenfrei.
09.09.2002
Bo Leuf, Ward Cunningham: The Wiki Way
Collaboration and Sharing on the Internet
Wissen Sie, was ein Wiki ist? Vermutlich nicht. Ein Wiki ist ein offenes Autorensystem für Webseiten bzw. Websites, das die gesamte Generierung und Verwaltung der Webseiten übernimmt. Ein weiteres CMS also? Weit gefehlt! Das Besondere an einem Wiki: Die Seiten können von allen Benutzern bearbeitet, gelöscht, hinzugefügt und verändert werden. Man mag sich fragen, wie so etwas funktionieren kann - aber in der Praxis gibt es solche Systeme seit hunderten von Jahren. Denken Sie nur an schwarze Bretter! Auch im Bereich des CSCW (Computer Supported Cooperative Work, computerunterstützte Gruppenarbeit) sind Shared Whiteboards und ähnliche Konzepte nicht neu. Dass dieses Konzept auch den Weg ins Internet gefunden hat verwundert also kaum.Die Einsatzgebiete von Wikis sind außerordentlich vielfältig. Sie reichen von der Projektkommunikation und -dokumentation über die gemeinschaftliche Entwicklung von Konzepten bis hin zum Aufbau von Online-Communities. Es handelt sich um eine Technolgie, die zugleich der Kommunikation, der Kooperation und dem Wissensmanagement dient. Dabei weden von den einzelnen Autoren keine HTML-Kenntnisse verlangt, auch die Verlinkung der einzelnen Seiten erfolgt automatisch.
Das Buch "The Wiki Way" von Bo Leuf und Ward Cunningham liefert eine hervorragende Einführung für alle, die ein eigenes Wiki betreiben möchten - sei es im Internet oder zur Teamkommunikation im unternehmenseigenen Intranet. Die beigefügte CD-ROM enthält zudem die notwendigen Skripte, um gleich loszulegen.
Das Buch liefert eine sehr gute Übersicht über die Wiki-Technologie und stellt verschiedene Wiki-Engines (Softwarelösungen) vor. Welche Ziele können mit dem Einsatz eines Wikis im Internet, im Extranet und im Intranet verbunden werden? Der Leser erfährt eine Menge über die Möglichkeiten, die Wikis als Community-Instrument und in der Teamunterstützung haben - denn natürlich kann man Wikis auch nur bestimmten Personen zugänglich machen und sie mit Passwort schützen. Anhand von Beispielsystemen zeigen die Autoren, wie man Wikis aufbaut, betreut und deren Inhalte sinnvoll organisiert. Auch der Frage, wie Wikis an das Corporate Design eines Unternehmens angepasst werden können, widmen sich die Autoren in dem höchst informativen Buch. Sehr interessant auch die "Guidelines for Wiki projects (dos and don'ts)" und die "Wiki case studies for education".
Insgesamt ein wirklich empfehlenswertes Standardwerk ... und meines Wissens auch das einzige Buch, das sich intensiv mit diesem Thema auseinander setzt. Einziger Nachteil: Es gibt keine deutschsprachige Übersetzung!
08.09.2002
Qualitätstechniken/Qualitätstechniken für die Dienstleistung
Hanser Pocket PowerDie Reihe "Pocket Power" von Hanser will Fachinformationen in knapper, kompakter Form für Praktiker liefern. Die Bücher passen in jede Hosentasche und sind mit rund 120 Seiten durchaus als Leichtgewichte zu bezeichnen. Das gilt allerdings nicht für den Inhalt, denn da achten Herausgeber, Autoren und Verlag auf Qualität.
Wir haben uns die beiden Bände "Qualitätstechniken - Werkzeuge zur Problemlösung und ständigen Verbesserung" (von Philipp Theden und Hubertus Colsmann, mittlerweile in der 3. Auflage erschienen) und "Qualitätstechniken für die Dienstleistungen - Die D7" (von Ulrike Hoth und Wolfgang Schwarz, 2. Auflage) angeschaut. Herausgeber ist in beiden Fällen Prof. Dr.-Ing. Gerd F. Kamiske. Und um es gleich vorweg zu nehmen: beide Bände sind sehr informativ, gut geschrieben und weisen keine Redundanzen auf."Qualitätstechniken - Werkzeuge zur Problemlösung und ständigen Verbesserung" stellt zunächst die sieben elementaren Qualitätswerkzeuge (Q7: Fehlersammelliste, Histogramm, Qualitätsregelkarte, Paretodiagramm, Korrelationsdiagramm, Brainstorming und Ursache-Wirkungs-Diagramm) vor, bevor die sieben Managementwerkzeuge (M7: Affinitätsdiagramm, Relationendiagramm, Baumdiagramm, Matrixdiagramm, Portfolio, Netzplan und Problementscheidungsplan) präsentiert werden. Immer stehen dabei (wie auch im Rest des Buches) die Fragestellungen "Worum geht es?", "Was bringt es?" und "Wie gehe ich vor?" im Mittelpunkt: Praxisbezug pur, keine langen theoretischen Abhandlungen. In der Folge geht es dann um Qualitätsfunktionen-Darstellungen (QFD), die Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse (FMEA), die statistische Versuchsplanung nach Shainin (SVP), die statistische Prozessregelung (SPR) und schlussendlich um Six Sigma. Ein Literaturverzeichnis rundet das Buch ab. Sicher handelt es sich nicht um die allumfassende Bibel der Qualitätstechniken. Die will das Buch aber auch gar nicht sein. Vielmehr wollen die Autoren praxisgerechte Informationen liefern, mit denen die systematische Problemlösung im Unternehmen besser gelingt und Abläufe effizienter gestaltet werden können. "Pocket Power" at its best!
Nun, bei "Qualitätstechniken für die Dienstleistungen - Die D7" sind andere Probleme zu berücksichtigen, die in der Natur der Dienstleistung (immateriell, nicht lagerfähig...) liegen. Daher beginnt dieses Buch auch zunächst mit einem Überblick über die Grundlagen der Dienstleistungsqualität: Wie kann man Dienstleistungsqualität überhaupt fassen? Daran anschließend werden die sieben Qualitätstechniken für den Dienstleistungsbereich (D7: Vignetten-Technik, Service-Blueprinting, sequentielle Ereignismethode, Qualitätsmessung mit Hilfe von Rating-Skalen (ServQual), Beschwerdemanagement, Frequenz-Relevanz-Analyse von Problemen sowie Service-FMEA) vorgestellt. Auch hier lauten die entscheidenden Fragestellungen jeweils: "Worum geht es?", "Was bringt es?", und "Wie gehe ich vor?" Auch die Fragen danach, welche Probleme sich mit den D7 lösen lassen und wo die Einsatzmöglichkeiten liegen, kommen nicht zu kurz. Wieder rundet ein Literaturverzeichnis das Buch ab. Jeder, der sich mit Dienstleistungsqualität und deren Planung, Sicherung und Verbesserung beschäftigen muss, findet in diesem Band wertvolle Anregungen.20.08.2002
Andreas Winterer: Viren, Würmer & Trojanische Pferde
Enthüllt: Waffen & Machenschaften der Cyber-Terroristen
Virendesigner machen eine Welt, in der es ohnehin genug Probleme gibt, nicht besser, sondern nur schlechter. Und weil es kein Spaß ist, alle seine Daten zu verlieren, sollte heute niemand Sympathie für diese Menschen haben. Da fällt allerdings nicht immer leicht: Viren sind für sich genommen eine interessante technische Leistung, und immer wieder fallen den Computersaboteuren neue Tricks ein, um bestehende Schutzwälle zu umgehen - hier nicht mit einem Hauch Bewunderung ins Detail zu gehen ist fast nicht möglich. Auch mir nicht, der seinen ersten Virus in der Datei word.exe hatte, und zwar zu einem Zeitpunkt, als ich eine wichtige Semesterarbeit zu schreiben hatte. (S. 70)
Das Buch beginnt mit einer ausführlichen und auch für Laien gut verständlichen Einführung in die Geschichte der Viren-Entwicklung. Der Autor beschreibt Typen, Funktionsweisen und Methoden, sie wieder loszuwerden.
Die Dialer-Problematik wird ebenso angesprochen wie die Absicherung des Mailverkehrs, das sichere Surfen im Web und die Probleme, die bei der Nutzung von Instant Messagern und Chats auftreten können. Viel Platz wird den Trojanern eingeräumt; und auch ActiveX, Javascript und die "Wurmschleuder" Visual Basic script werden ausführlich besprochen.
Der Virenjagd und dem Schutz durch Firewalls sind zwei lange Kapitel gewidmet, die wie der große Rest des Buches mit Abbildungen und Informationen zu weiterführenden Wissensquellen versehen sind. Ein umfangreicher Index schließt das Buch ab.
Nach dem Motto "Vorsorgen ist besser als heulen & heilen" weist Andreas Winterer immer wieder darauf hin, wie bestehende Sicherheitslücken geschlossen werden können, und dies besonders in der Windows-Welt.
Ein sehr sympathischer Zug des Buches ist übrigens die realistische Haltung des Autors in Bezug auf die Tatsache, dass Windows, Outlook und Co. nun mal existieren. Es hat wenig Sinn, ohne Berücksichtigung des Umfelds der Anwender auf die Verwendung alternativer Systeme zu pochen - wie das bei Sicherheitsdiskussionen immer wieder der Fall ist. Und so finden gerade Windows-Anwender jede Menge Informationen, wie sie ihr System sicher machen können.
Die Troubles mit der Semesterarbeit sind wohl schon eine Weile her und inzwischen ist der Autor ein Experte für das Thema "Quälgeister & Zerstörer". Sein umfangreiches Wissen über Viren, Trojaner und Co. hat er in ein 500-Seiten-Buch verpackt, das sich aus mindestens drei Gründen zu einem Best- und Longseller entwickeln könnte:
Erstens ist es eine umfassende Einführung in die Geschichte und die Funktionalität von Viren, Würmern und Trojanern, die für Einsteiger und Nicht-Software-Experten genauso geeignet ist wie sie dem Profi und Security-Experten noch einiges an Aha-Erlebnissen bringen könnte. Zweitens macht es unglaublichen Spaß, den spannenden Text zu lesen. Und drittens ist es für ca. 15 Euro ein echtes Schnäppchen.
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05.08.2002
Stefan Heijnk: Texten fürs Web
Grundlagen und Praxiswissen für Online-Redakteure
Lange, sehr lange, habe ich auf dieses Buch gewartet - auf der Website des Verlages war es seit über einem Jahr angekündigt. Und so bestellte ich nach Erscheinen sogleich ein Rezensionsexemplar für eDings, das umgehend bei mir eintraf - und das ich unter Vernachlässigung diverser Pflichten sofortiger Lektüre unterzog.
Beseitigen wir gleich das erste Missverständnis, das angesichts des Titels auftreten könnte: Dieses Buch handelt nicht sehr ausführlich vom Texten fürs Web. Es sollte besser heißen: Strukturieren von Inhalten fürs Web. Besser noch: Strukturieren von journalistischen Inhalten fürs Web unter Nichtberücksichtigung der Anforderungen von Corporate Websites.
Einigen wir uns auf diese Neu-Betitelung, dann haben wir ein sehr brauchbares Werk vor uns, das Online-Redakteuren von (Medien-)Websites eine gute Hilfestellung bei der Erstellung und Strukturierung des Contents liefert. Genauer: des Text-, Bild- und Multimedia-Contents auch größeren Umfanges auf "magazinigen" Websites und Portalen.
Das Ziel solcher Websites ist nicht: Wie kommt der User schnell zu seinem Inhalt?, sondern: Wie erhöhe ich die Klickrate und die Verweildauer? Um dies zu schildern, verbindet der Autor die Erkenntnisse aus langjähriger Erfahrung in der Arbeit in und mit Online-Redaktionen mit einer angenehmen Menge an Theorie zu Usability, der Rolle von Hypertext und zum Internet-Nutzungsverhalten. Ein wesentliches didaktisches Hilfsmittel stellen die Abbildungen und Screenshots dar, die in hervorragendem Vier-Farb-Druck durchwegs bis in die kleinsten Details lesbar sind.
Sehr gut die Diskussion der Begriffe "Inverted Pyramid" versus "Textschichten", wie überhaupt Standardaussagen der Usability-Forschung kritisch hinterfragt werden - Beleg für die Auseinandersetzung des Autors mit der Thematik auf hohem theoretischen Niveau.
Der Autor führt sehr viele Begriffe für Stil- und Gestaltungselemente an, die sich im Laufe der kurzen Zeit des Content-Managens und -Gestaltens herausgebildet haben und die künftig als Standard-Elemente der Textgestaltung gesehen werden müssen:
Die Darstellung der Funktion des "Cliffhangers" (Schnitt an spannender Stelle) ist an sehr guten Beispielen bis ins Detail ausgeführt. Der "Link-Dramaturgie" ist ein ganzes Kapitel gewidmet, hier natürlich mit dem Schwerpunkt darauf, den User lange auf der Website zu halten, eine Kunst, die der Autor durchaus beherrscht. Ebenso hervorragend: die Beschreibung der Rolle des "Teasers" und der Gestaltung von Einstiegspages auf immerhin 25 Buchseiten.
"Print-Material fürs Web: Veredeln statt Schaufeln" - dieses Kapitel ist für meine Bedürfnisse etwas zu kurz geraten. Hier wird mehr auf die Strukturierung als auf die webgerechte Anpassung des Geschriebenen Bezug genommen, aber der spezifische Content, von dem hier die Rede ist, erfordert eben eine andere Behandlung als Marketing-, Image- und Pressetexte von Unternehmen.
Die letzten 40 Seiten sind dem "neuen Erzählen" gewidmet: Die Gestaltung von Web-Specials, Hypermedia-Patchworks (sog. HMPs), Slideshows, Online-Features und 3D-Anwendungen (Wörmels, Panoramen, Foto-Bubbles) wird thematisiert und ihre Rolle in der Zukunft zur Diskussion gestellt.
Das Buch hat inklusive Literaturverzeichnis und Register 178 Seiten, die zu lesen ich nicht bereut habe. Das Buch ist Online-Redakteuren von Medien- und Magazin-Websites unbedingt zu empfehlen, aber auch Webdesigner und Entwickler von Content-Management-Anwendungen könnten das eine oder andere Aha-Erlebnis haben, was Redakteure heute und morgen so an Strukturierungsmöglichkeiten brauchen.
Für Webredakteure in Unternehmen bietet es Anregungen und Impulse, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Hier wird es jedoch wichtig sein, die Service- und Kunden-Orientierung der Textgestaltung unter Zuhilfenahme anderer Quellen zu optimieren. Ein Blick in Net Words von Nick Usborne wird zum Beispiel hier sehr hilfreich sein (deutschsprachige Äquivalente gibt es leider - noch - nicht).
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23.07.2002
Gerry McGovern und Rob Norton: Content Critical
Gaining Competitive Advantage Through High-Quality Web Content
While traditional publishers understand the true value of content,
many other organizations do not. Content is often seen as
that thing you have to do after you’ve finished your "real" work.
Die Menschen sind heute gezwungen, mehr denn je zu lesen. Und sie haben mehr denn je zu schreiben: "Content is critical to the success of the modern organization and individual." - Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Jeder publiziert, ein großer Teil der produzierten Texte ist schlecht strukturiert, schlecht geschrieben und überdies unauffindbar, weil die Ablage schlecht organisiert ist, offline wie online. Und: Es ist niemand da, der die Fülle eindämmt, indem er auswählt und die Qualität sichert - also die Aufgabe des klassischen Verlegers übernimmt.
"Alles, was Sie über das Web wissen, ist falsch." - Das Web ist keine Spielwiese für Technik-Freaks. Es ist ein Kommunikationsmedium und als solches eine Lösung zur Publikation von Inhalten. Es ist ein Ort, an dem die einen sich einfinden, um Content zu publizieren, und die anderen kommen, um Content zu finden. Und zwar: Texte. Das wird sich im Großen und Ganzen für die nächsten zwanzig Jahre nicht ändern.
Die einzige Aufgabe, die die Technik hier erfüllen kann, ist, uns bei der Organisation der Information zu unterstützen und die Rezeption zu ermöglichen. Nicht mehr und nicht weniger. Den Text, der erklärt, beschreibt, einlädt, verkauft ..., den muss der Mensch verfassen.
The key difference between commerce and e-commerce is that commerce is selling with people and e-commerce is selling with content.
Eine Tatsache, die bislang im "Web-Publishing" nicht ausreichend berücksichtigt wird: Das Web ist ein Publishing-Instrument und die Kriterien für die Produktion der Inhalte sind von jenen des klassischen Publizierens abzuleiten.
Selektion, Qualitätssicherung, Leserorientierung sind die drei Hauptanforderungen an Web-Content. Dazu kommen der Zeitfaktor - man muss schneller sein als die Konkurrenz - und das Bewusstsein dafür, dass der Content der Faktor für den geschäftlichen Erfolg ist, offline wie online.
Content Management ist daher nicht nur eine technische Anforderung, sondern eine Anforderung im Rahmen der Sicherung inhaltlicher Qualität. Informations-Ökonomie im weitesten Sinne: eine rechnerische Größe, die in die Business-Pläne mit einbezogen und für die ausreichend Budget geplant werden muss.
Die Autoren liefern detaillierte Informationen über diesen Qualitätssicherungsprozess: über Kosten und Nutzen von Content, die Notwendigkeit von Standards, die Produktion, die Rolle der Informationsarchitektur, über Usability, Layout und Design und die Rollenverteilung im Publishing-Team.
Die Aussagen von McGovern und Norton sind so einfach wie kompromisslos:
- People are the key asset.
- Readers want your advice.
- Readers want up-to-date, quality content.
- Readers want relevant and straightforward content.
Content Critical ist Pamphlet und Handlungsanweisung gleichzeitig. Es stellt die Bedeutung der Inhalte für E-Commerce-Aktivitäten klar und bringt Begriffe aus der Welt des klassischen Verlegens und Publizierens in die Welt des Web-Publishing ein. Ein längst notwendiger Prozess, um die Rollen in Webprojekten so zu definieren, wie Nick Usborne es in Net Words fordert: "Allow Copywriters to Do Great Work."
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21.07.2002
Steve Krug: Don’t make me think!
Web Usability - Das intuitive Web
Steve Krug hat in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht, Menschen bei der Nutzung des Web zuzusehen. Dabei beeindruckte ihn vor allem eine Sache: der Unterschied zwischen der Vorstellung der "Macher" darüber, wie Websites genutzt werden, und wie sie tatsächlich genutzt werden.
Seine Erkenntnisse packt er in drei "Lebensweisheiten":
- Wir lesen keine Seiten, wir überfliegen sie.
- Wir treffen keine optimale Wahl (z.B. bei der Entscheidung, was wir anklicken). Und:
- Wir befassen uns nicht damit, wie etwas funktioniert, sondern wursteln uns durch.
So wären viele Webdesigner schockiert, wenn sie wüssten, dass viele Leute URLs in die Suchbox von Yahoo! eintippen - und zwar jedes Mal, wenn sie die dazu gehörige Site aufrufen möchten, nicht nur, um diese Site zu finden. Sie tun es, weil sie meinen, Yahoo! sei das Internet und man müsse es so nutzen ...
Das ist nur eines von vielen Beispielen, die Krug uns aus seinem Leben als Usability-Experte erzählt. Er illustriert damit die Wirklichkeit der Webnutzung und bringt einige Missverständnisse aufs Tapet, die das Webdesign prägen.
Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung der Navigation. "Straßenschilder und Brotkrümel" lautet der Titel des entsprechenden Kapitels.
Die Leute werden Ihre Website nicht benutzen, wenn sie sich darin nicht zurecht finden.
An dieser banal erscheinenden Aussage hängt Krug seine Theorie, oder besser: Praxis der Webnavigation auf und stellt uns anhand von zahlreichen Beispielen die wesentlichen Kriterien der Navigationsgestaltung vor. Die eben so sein sollte, dass User nicht nachdenken müssen, wie etwas funktioniert.
Ein zweiter Schwerpunkt ist das optimale Design der Startseite, die einige essentielle Fragen beantworten muss: Worum geht es hier? Was kann ich hier tun? Wo fange ich an? Steve Krug verwendet hier die Metapher des "Ufergrundstücks" im Web: Es ist das begehrenswerteste Stück Land und jeder (jede Abteilung) möchte ein Stück davon haben ... dabei hat die Startseite nicht nur inhaltliche, sondern eben auch infrastrukturelle Fragen zu beantworten.
Im Kapitel "Ackerbauern und Viehzüchter sollten Freunde sein" erklärt Krug, warum die meisten Argumente von Webdesign-Teams über Usability Zeitverschwendung seien. Es handle sich dabei nämlich meist um religiöse Debatten, die sich überdies eines Mythos'; bedienen, nämlich jenes von der Existenz Herrn "Otto Normalusers". Doch die Webnutzung ist äußerst indivdiuell und wir wissen im Grunde nichts darüber, wie sie vor sich geht oder was jemand für sinnvoll hält oder nicht.
So ist es nach Meinung des Autors nicht produktiv, Fragen zu stellen wie "Mögen die meisten Leute Pulldown-Menüs?" Die richtige Art zu fragen ist: "Schafft dieses Pulldown mit diesen Auswahlmöglichkeiten und dieser Wortwahl in diesem Kontext auf dieser Seite für die meisten Leute, die wahrscheinlich diese Site nutzen werden, eine gute Erfahrung?"
Wie man das herausfindet? Mit Tests. Und diesem Thema wird dann auch der dritte Schwerpunkt des Buches gewidmet: den Usability-Tests. Steve Krug räumt mit der Meinung auf, Usability-Tests müssten kostspielig sein und man brauche dafür unbedingt ausgewiesene Experten. Eine ausführliche Anleitung hilft bei Planung, Durchführung und Auswertung solcher Tests im Haus - und macht richtig Appetit, das gleich selbst mal auszuprobieren.
Don't make me think ist eine hervorragende Einführung in das Thema Usability. Zielgruppen sind neben Konzeptionisten und Webdesignern auch die Betreiber von kleinen und großen Websites, die mit Hilfe des Buches lernen, die Qualität von Webauftritten aus der Sicht des Besuchers zu beurteilen. Der Autor verpackt seine jahrelange Erfahrung mit viel Humor und ermöglicht durch Cartoons, Grafiken, Beispiele und kleine Übungen viele Aha-Erlebnisse. Das durchgehend farbige Buch ist überdies eine wahre Augenweide.
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